Das Feuer der Nähe lieben lernen

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Aus der Ausbildung für Systemische Aufstellungen: “Öffnen für ein befreites Leben!”:

Probleme mit Nähe in Beziehungen besser verstehen

Das Feuer der Nähe aushalten” (Auszug aus dem gleichnahmigen Kapitel aus dem Buch: “Liebe Radikal” von Vait Lindau)

Es gibt viele Ebe­nen von Beziehun­gen – und es gibt die, die wirk­lich nahe kom­men. Mit Hil­fe dieses Kapi­tels kannst du Prob­leme Nähe in Bezid­hun­gen bess­er ver­ste­hen und das Feuer der Nähe lieben ler­nen. Du sehnst dich nach ihnen und gle­ichzeit­ig fürcht­est du sie. Denn echte Nähe nimmt dich in einem Moment an die Brust ihres ozeanis­chen Friedens, um die im näch­sten Augen­blick bren­nende Medi­zin in deine offe­nen Wun­den zu träufeln. Wenn du glaub­st, Nähe wäre NUR angenehm, wirst du ent­täuscht wer­den. Denn einem anderen Men­schen wirk­lich zu begeg­nen, bedeutet, in einen klaren Spiegel schauen. Und nicht alles, was du darin siehst, wird dir gefall­en.

Nähe ist das Tor zu ein­er Stille, die deinen Ver­stand (endlich) zum Schweigen bringt. Nähe ist das Feuer, in dem dein kleines Ich zap­peln und let­z­tendlich ster­ben wird.

Nähe ist auch der Arzt, der das Pflaster von deinen alten Wun­den reißt, damit sie heilen kön­nen.

Das alles ist unendlich kost­bar. Es ist gut.
Nähe kann nähren und schmerzen. Die Kraft des Lebens sucht auch in dir nach dem Weg der Heilung –  auf Pfaden, die du meist erst im Nach­hinein ver­ste­ht. Solange du Nichtvergebenes, Nicht­ge­heiltes, Unerkan­ntes in dir trägst, wird das Leben dir maßgeschnei­derte Boten senden, um dich daran zu erin­nern.
Bist du clever und mutig genug, deine Tür weit zu öff­nen? Denn die Send­boten dein­er Ganzw­er­dung wer­den sel­ten deinen Vorstel­lun­gen entsprechen. Du fürcht­est, sie wirk­lich nah an dich her­anzu­lassen, denn du ahnst das Poten­tial dein­er Begeg­nung. Diese Men­schen haben die Macht, dich im Mark zu berühren und für immer zu ver­wan­deln.

Nähe ist der zärtlich­ste, liebevoll­ste, unberechen­barste und kom­pro­miss­los­es­te Begleit­er in deine Frei­heit. Falls dir das noch nicht klar ist: Ich schreibe hier nicht primär von kör­per­lich­er Nähe. Ich meine jene Nähe von Wesen zu Wesen, die dich auf ein­er exis­ten­ziellen Ebene zum Beben bringt. Denn wo sich Wesen echt begeg­nen, entste­ht das Feuer der Nähe.

Jede Seele sehnt sich nach dem Frieden jen­er ozeanis­chen Ein­heit, die wir im Mut­ter­leib neun Monate lang erfahren haben. Durch die Geburt bist du – ein­er spek­takulären Dra­matik der Evo­lu­tion geschuldet – isoliert in einem Fleis­chk­löp­schen gelandet. Du ver­suchst dich tapfer zu arrang­ieren – bis dir ein­er dieser Men­schen über den Weg läuft, die den Schlüs­sel zur geheimen Kam­mer dein­er tief­sten Sehn­süchte besitzen. Und da ist er wieder, dieser gewaltige Drang nach Nähe, nach Vere­ini­gung. Du ver­suchst, ihn über diesen Men­schen zu stillen, doch er ist nur der Köder. Er ent­flammt nur deine Sehn­sucht. Erst öffnet er dein Herz, und dann tut er in sein­er unvol­lkomme­nen Men­schlichkeit etwas, das dich wieder in das Loch eines fürchter­lichen Urschmerzes schleud­ert. Wenn du seine heilige Auf­gabe nicht ver­stehst, wirst du ihn an dieser Stelle ankla­gen und wieder alle Vertei­di­gungs­mauern hochfahren. Dann wird sein Dienst umson­st. Denn sein Job ist es nicht, dich zu trösten, son­dern dein Herz für die wahre Suche deines Lebens offen­zuhal­ten. Erin­nere dich daran, dass du auf ein­er Reise bist und dein ver­lorenge­gan­ge­nes Zuhause suchst. Solange du nicht weißt, wer du bist, wird dich jede echte, starke Beziehung wieder und wieder ent­täuschen.
Und das ist… gut so!

Sei bere­it, die nack­te Nähe mit dem anderen mutig zu suchen und dann, wenn es wieder passiert, wenn ihr euch wieder ein­mal von Men­sch zu Men­sch ent­täuscht, auf dem Höhep­unkt deines Schmerzes … lass den anderen los und Falle nach hin­ten. Hier find­est du endlich dich. Und wer sich find­et, allem nah sein.

Ein weit­eres Geschenk wahrer Nähe: sie kor­rigiert Irrtümer.

In jedem Ver­stand, auch in deinem, wim­melt es nur so vor Konzepten darüber, was das Leben ist, Wer du bist, was eine Frau, ein Mann ist, was Liebe bedeutet, und, und, und. All diese Urteile kannst du nur aufrecht hal­ten, solange du Nähe mei­dest. Denn wenn du einem anderen Wesen wirk­lich begeg­nen willst, musst du deine Konzepte loslassen. Tritt ihm im Nichtwissen gegenüber und du wirst staunen. So befre­it sich das Wun­der dieses Men­schen von den Gefäng­nisket­ten dein­er tren­nen­den Vorurteile.

Nähe kon­fron­tiert dich mit dem Licht und dem Schat­ten dein­er Ahnen.

Jede ungelöste Beziehung aus der Ver­gan­gen­heit beein­trächtigt die Beziehung in dein­er Gegen­wart. Wenn du beginnst, dich wirk­lich einzu­lassen, wirst du fest­stellen, dass du mehr Mut­ter, Vater, Großel­tern usw. in dir hast, als dir lieb ist. Wie kön­nte es auch anders sein? Du bist die Fort­set­zungs­folge ihrer Leben. Wenn du wirk­lich etwas Neues leben willst, musst du zuerst die Erfahrungswel­ten dein­er Vor­fahren in dir anerken­nen. Es ist von großer Bedeu­tung, das, was mit deinen Eltern noch ungelöst ist, zu klären. Wenn du bes­timmte, men­schliche Aspek­te der ersten Frau in deinem Leben, dein­er Mut­ter, immer noch ver­dammt, wirst du sie als Mann in deinem Frauen wieder erschaf­fen. Wenn du eine Frau bist, wirst du dir selb­st nicht entspan­nt begeg­nen kön­nen, weil du per­ma­nent fürcht­est, dein­er Mut­ter in dir zu begeg­nen. Da das Leben dich liebt, sendet es dir Men­schen, die deine Vor­fahren und ihr Erbe in dir wachk­itzeln kön­nen. Plöt­zlich redest du wie dein Vater oder fühlst dich wie deine Mut­ter. Kämpfe nicht dage­gen. Nimm es bewusst und mit einem Augen­zwinkern wahr. Grüße die Stimme dein­er Ver­wandten in dir. Wenn es dir gelingt, ihre hellen und dun­klen Aspek­te in dir anzunehmen, kannst du mit voller Kraft ein wahres, neues Kapi­tel schreiben.

Die Nähe zu anderen Men­schen heilt deine Beziehung zu dir.

Der andere wird zu deinem Spiegel. du siehst Dinge, die dich begeis­tern — dein Leucht­en, deine Freude, die Stärke dein­er Liebe. Aber du wirst auch die Fratze dein­er inneren Dämo­nen ins Auge blick­en — deinen berech­nen­den Kleingeist, dein­er toben­den Eifer­sucht, der gäh­nende Langeweile deines Egos, das nicht anders kann, als alte Ver­hal­tens­muster abzus­pie­len. Das ist der Hin­ter­grund, warum Men­schen Nähe mei­den: sie begeg­nen sich selb­st. Ihrer Scham, ihrem Selb­sthass, all den Niederun­gen des men­schlichen Daseins, die wir so gerne auf andere pro­jizieren. So wird Nähe deine Übungs­mat­te für Selb­stliebe. du wirst in den Armen eines anderen Men­schen nur Frieden find­en, wenn du dich in allen Facetten selb­st hal­ten kannst — das Tier, den Men­schen, den Teufel und den Gott in dir.

In Paar­ber­atun­gen kla­gen meine Klien­ten manch­mal, dass am Anfang alles so schön und ein­fach war, doch seit sie sich nähergekom­men sein, vielle­icht auch zusam­men­leben, knalle es nur noch. Sie sind dann sehr über­rascht, wenn ich Ihnen grat­uliere. Denn in meinen Augen ist diese Entwick­lung kein Fehler, son­dern die näch­ste Phase ihrer Gene­sung.

Es gibt kaum einen Men­schen, der in sein­er Ver­gan­gen­heit nicht ver­rat­en und tief ent­täuscht wor­den wäre. Men­schen sind nicht per­fekt. Wir kön­nen sehr igno­rant sein und einan­der ver­let­zen. Da uns diese Wun­den meis­tens in ein­er Zeit zuge­führt wor­den sind, in der wir nicht wussten, wie man sie heilt, tra­gen wir sie immer noch in uns. und später tun wir alles dafür, nie wieder an diesen offe­nen Stellen berührt zu wer­den.

Das Wort “Per­sona” kommt aus dem Griechis­chen und bedeutet Maske. Wir leg­en uns für unseren All­t­ag ver­schiedene Per­sön­lichkeit­en zu, um uns zu schützen: die Unauf­fäl­lige, der Küh­le, der Gebi­eter­ische, die Dom­i­na. Wir benutzen die Per­sön­lichkeit, um den anderen in einem kon­trol­lier­baren Spiel auf Abstand zu hal­ten. Damit es nie wieder so weh tut wie damals. Daher ist uns “Unab­hängigkeit” so wichtig. Eine eigene Woh­nung, eine Waschmas­chine, ein Auto et etc. geben uns das Gefühl, uns jed­erzeit zurückziehen zu kön­nen, wenn uns jemand an schmerzen­den Stellen berührt.

Ja, das scheint sicher­er, beque­mer, kon­trol­lier­bar­er. Doch zu welchem Preis? Beziehun­gen auf dieser funk­tionellen Ebene nähren unsere Seele nicht; die emo­tionalen Wun­den kom­men nicht mehr an die Luft. Sie verkrusten. Darunter altern sie und schick­en uns Depres­sio­nen.

Um heil zu wer­den musst du berührbar sein.

Das erfordert Mut und Bewuss­theit. Denn sobald du dich erneut öffnest, riskierst du, wieder ver­let­zt zu wer­den. Doch das ist der einzig lebendi­ge Weg. Die Alter­na­tive dazu ist, sich zu ver­schließen, langsam zu erstar­ren und zu ster­ben, bevor du stirb­st.

Glaub mir, ich wün­sche dir, es wäre anders. Ich habe die Spiel­regeln selb­st oft genug ver­flucht. Doch der Men­sch, der dir nahekommt, hat Zugriff auf deinen “Schmerzkör­p­er”, deinen neg­a­tiv­en Erin­nerungsspe­ich­er. Hier wer­den alle unan­genehmen Erfahrun­gen gesam­melt, die du nicht vol­lkom­men ver­ar­beit­et hast. In ein­er inni­gen Beziehung kommt es natür­lich immer zu erneuter Stim­ulierung. Es reichen unge­fähre Ähn­lichkeit­en — die Wort­wahl, äußere Umstände, eine ganz bes­timmte Geste — und der Schmerzkör­p­er öffnet eine Schublade zu ein­er längst ver­gan­genen Erin­nerung. Immer dann, wenn du emo­tion­al etwas oder sehr über­trieben reagierst, geht es nicht nur um die konkrete Sit­u­a­tion, son­dern dann ist so eine alte Erfahrung aktiviert wor­den. Die Gefüh­le von damals nutzen die gegen­wär­tige Sit­u­a­tion, um sich zu zeigen. Es braucht große Acht­samkeit, um damit kon­struk­tiv umzuge­hen. Wenn solche alten Emo­tio­nen an die Ober­fläche unseres Bewusst­seins gespült wer­den, ist uns der Zusam­men­hang meis­tens näm­lich nicht bewusst. Sie trüben unsere Wahrnehmung und ver­leit­en uns dazu, den Men­schen vor uns dafür ver­ant­wortlich zu machen. Dabei sind der Schmerz oder die Angst, die wir ger­ade empfind­en, viel, viel älter. Sie gehören zu uns, nicht zu unserem Gegenüber. Er ist vielle­icht der Aus­lös­er, aber nicht die Ursache. Wenn wir dies nicht erken­nen, kämpfen wir in der Gegen­wart weit­er. Wir schüt­ten Ben­zin ins Feuer. Die alte Erfahrung wird ener­getisch neu aufge­laden und sinkt dann — unge­heilt – wieder ins Unbe­wusst­sein zurück.

Um Nähe auszuhal­ten und zu genießen, braucht es emo­tionale Intel­li­genz. Es braucht deine Bere­itschaft, alle aufge­führten Gefüh­le in dir zu fühlen und nicht auf den anderen zu pro­jizieren. Die Hoff­nung, eine Beziehung zu find­en, in der deine emo­tionalen Wun­den nicht berührt wer­den, ist naiv und auch gar nicht sin­nvoll. Solange es in dir uner­löste Erfahrun­gen gibt, wird deine unter­be­wusste Intel­li­genz Sit­u­a­tio­nen und Men­schen suchen, die durch ihre ent­fer­nte Ähn­lichkeit diese alten Geschicht­en wieder an die Ober­fläche brin­gen. Das ist keine Strafe, son­dern die großar­tige Chance zu heilen.”

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